Das ohr im briefkasten

Heute lag ein ohr in meinem briefkasten. Kein abgetrenntes von jemanden für den ich lösegeld zahlen soll, sondern ein gedrucktes. Ein grosses in farbigem offsetdruck, matt. Es handelte sich um ein aufwändig gestaltetes werbeblatt von einem hörakustiker hier in der stadt. Es ging um hörgeräte. Bewerben solle ich mich und den »Quantensprung hinsichtlich Hörkomfort und Bedienfreundlichkeit« »kostenlos und unverbindlich« testen. Auf der rückseite eine postkarte mit perforation zum abtrennen und ein siemens-logo. Daneben eine faltenlose – oder heute sagt man ja knitterlose – frau mit leichtem lächeln, ein »An Haushalte mit Tagespost» und eine aufzählung der vorteile des produktes, abgeschlossen mit der aussage: »Perfekt hören – und auch so aussehen«. Wie sieht jemand aus der perfekt hört? Wie die abgebildete frau?

Meiner oma hätte dieses angebot bestimmt gefallen, war sie doch die letzten monate damit beschäftigt, hörgeräte zu testen. Doch ist das angebot nun leider schon zu spät. Das gerät ist bezahlt, eingestellt und angepasst. Leider habe auch ich einen haushalt mit tagespost und so landete diese werbung völlig unsinnigerweise in meinem briefkasten. Mein letzter hörtest hatte ein sehr gutes ergebnis. Ich brauche soetwas noch nicht. Und ein grossteil der vielen leute, die mit mir in diesem haus hier leben offensichtlich auch nicht. Der bereitgestellte karton für nicht gebrauchte werbung im hausflur war voller ohren.

Hier liegt nun dieses werbeblatt vor mir in seiner farbigkeit, dem schweren papier, und ich frage mich, ob ein solcher aufwand wirklich lohnt. Hat siemens das bezahlt? Bestimmt. Diese gesponsorten werbeaktionen kenne ich noch. Wieviele empfänger mögen ein solches gerät brauchen? Und wer kann sich ein solches gerät, trotz kassenzuschuss überhaupt leisten? Die späteren kunden zahlen die rechnung für diese werbeaktion. Und nicht zuletzt zahlen wir alle für solche werbestreubomben, denn die verschwendung der energie für den transport, den druck, die herstellung der materialien etc. summiert sich. Doch getreu des substituierbarkeits-dogmas des aktuellen wirtschafts-wahns ist das alles kein problem. Wir werden sehen.

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