Die neuen gaga-pillen und mondstaub

fluctinVorgestern verschrieb mir mein arzt neue gaga-pillen, nämlich fluoxetin, welches in den USA unter dem namen ›prozac‹ verkauft wird. Das mittel soll helfen den serotonin-haushalt in meinem hirn wieder ins lot zu bringen.

Seit etwa 17 jahren bin ich depressiv. Ich entschloss mich erst sehr spät, dieses behandeln zu lassen. Inzwischen bin ich beim sechsten psychopharmakon; angefangen mit trimipramin über opipramol hin zu zwei SSRI mit einem ausflug in die welt der neuroleptika, bin ich nun wieder zurück bei den SSRI.

Die depression (ich sage lieber, ich bin geisteskrank wenn ich leute kennenlerne – das erspart oberflächliche kontakte) bringt auch eine penetrante schlaflosigkeit mit sich. Und gegen diese bekam ich auch ein neues mittel: das altbewährte chloraldurat, welches jetzt nicht mehr ›blau‹, sondern ›rot‹ im namenszusatz heisst – warum auch immer.

Diese substanz kannte ich zuvor nicht. Aber ich bin ja offen für alles, was mir den schlaf bringt. Das wirkprinzip des schlafmittels ist einfach: die substanz ist giftig und der körper erschöpft sich beim abbau des stoffes und man wird müde. Müde wurde ich – etwas -, konnte jedoch nicht einschlafen. Leider.

In unserer aufgeregten und aufregenden zeit der 24-stunden-sinnüberflutung hat ein solches mittel vermutlich keine chance mehr. Das aufgewühlte gehirn merkt zwar eine gewisse erschöpftheit, doch bei all dem gegrübel, den existenzängsten und gedanken etwas nicht beendet zu haben, bleibt es wach. Chloraldurat kann an dieser stelle nicht viel bewirken. Es ist in der welt von stress und hektik und den damit verbundenen kopfschmerzen ein ähnlicher anachronismus wie aspirin. Heute müssen härtere drogen auf dem rezept stehen. Getuned in eine gesellschaft der supermenschen – und wer nicht mithalten kann, braucht halt die unterstützung der pharmafirmen – wenn er sie sich leisten kann.

Ich besorgte mir nach der zweiten schlaflosen nach wieder das bewährte zopiclon. Auf der produktverpackung rieselt eine mondsichel ihren staub nach unten. Der sandman ist da, morpheus bringt den bitteren schlaf. Es schmeckt bitter im mund, wenn es in den kreislauf vordingt, der muskeltonus wird geringer, die scharfstellen der augen will nicht mehr so einfach gelingen und – das wichtigste – die gedanken sind plötzlich egal, das grübeln löst sich auf in rauschige bilder von nirgendwoher. Das ist das zeichen zu schlafen.

Endlich einmal bin ich uptodate, benutze ›lifestyle‹-produkte, die in anderen ländern bereits gang und gäbe sind. Morgens eine prozac um hochzukommen, mittags etwas gegen kopfschmerzen und abends eine xanax oder valium um schlafen zu können – das ist der moderne american way of life. Hierzulande stehen noch einige abgabeverordnungen der ungebremsten pharmagesellschaft im wege. Das wird sich vermutlich ändern, wenn immer mehr menschen das zeug benötigen, um ›funktionieren‹ zu können.

Gute nacht. Endlich schlaf.

Trackbacks & Pingbacks 2

  1. From Es dämmert at Nachtgedanken on 10 Jul 2006 at 2006.190 06:13

    […] Es ist halb sechs durch. Durch die vorhänge sehe ich das licht des tages heller werden. Eine gute stunde lag ich also schon wach. Trotz tablette kann ich nicht einschlafen. Da hilft nur abwarten, bis die müdigkeit übermächtig wird und zusammen mit der chemie den schlaf bringt. […]

  2. From Bababa at Nachtgedanken on 10 Jul 2006 at 2006.190 06:16

    […] Grad freue ich mich über die tolle wirkung meines schlafmittels (zolpidem), was mir in verbindung mit stangyl – einem antidepressivum – so richtig die sinne und denken verquirrlt. […]

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