Entriegelung

Liebes internettagebuch,

der gestrige tag endete von meiner wahrnehmungslogik her heute morgen um kurz nach acht. Nach dem vergeblichen versuch zwei von der letzten WD übriggebliebenen kisten bier-pfandgut am kiosk in klingende münze zu verwandeln (was nach angaben des kiosk betreibers aus platzmangel scheiterte) kam ich nicht umhin, mir etwas geld zusammenzuschnorren, nachdem ich klitschnass geschwitzt von der anstrengung des bierkisten hin- und zurückschleppens wieder zuhause ankam. Erstmals dachte ich für ein paar millisekunden darüber nach mir einen richtigen job zu suchen, bei dem ich auch geld verdiene.

Kurai hatte gestern offenbar auch noch mein intimes internettagebuch entdeckt und gelesen und unverschämterweise, wie auch schon BlackLilith zuvor, etwas hineingeschrieben. Die von ihr geäusserte hoffnung, mein pfandflaschen-in-geld-verwandeln (was ja ähnlich wunderlich ist, wie die wasser-zu-wein-nummer von jesus (der von – um mal richtig abzuschweifen, und nur um es zu erwähnen – den christen heute immernoch in einem symbol-kannibalistischen ritual gegessen und getrunken wird))(eigentlich hätte ich in der zweiten klammerebene noch ein semikolon einbauen können…). Aber punkt, punkt, punkt, klammer-zu, punkt sieht ja auch schon ganz näckisch aus.

Doch wo war ich, bevor ich meinen gedanklichen billigflug ins christentum antrat – ach ja, bei der hoffnungsbekundung Kurais, ich möge erfolg bei der pfandflaschen-zu-geld-nummer haben – und deren zweiten teil: man möge sich doch eventuell den abend in wettbergen begegnen. Letzteres konnte ich dann auch mit etwas mühe, not und leid realisieren. Denn! Es war schon spät und meine gesundheitliche angeschlagenheit verband sich mit dem zustand des sich noch nicht sich-fertig-gemacht-habens zu einer nervlichen anspannung, einer kopflichen zerspanung, die leicht hätte in einer mirgäne enden können. Anders gesagt: ich hatte es vor dem fertig-machen schon geschaft, richtig fertig zu sein. Ein zwischenzeitliches telefonat mit FrauLeiche, die auch endlich mal das grablicht besuchen und sich mir auf dem weg anschliessen wollte, entspannte die situation auch nicht besonders.

Entschlossen, also aufgeriegelt und durch die weit geöffneten türen zur eigenen vernunft die böigen winde der enthirnung wehen zu lassen, beschloss ich mich dieser herausforderung zu stellen. Eine halbe stunde später befand ich mich auf dem weg nach wettbergen. Wegen bauarbeiten mussten FrauLeiche, meinereiner und alle anderen fahrgäste in einen miefigen schienen-ersatzverkehr-bus umsteigen. Was für eine qual. Doch nach schier endlosem transport und fussweg konnten wir dann doch eine konvergenz zwischen gewünschten und tatsächlichen aufenthaltsort ins protokoll für dieses aussergewöhnlich anstrengene sozio-biologisch-medizinische experiment notieren.

Der ort der veranstaltung konfrontierte mich mit dem, was mir am meisten angst macht: reale menschen – viele davon mir unbekannt. Von der ausweglosen lage übrfordert setzte ich mich, um wenigstens bequem überfordert zu sein. Aus geldmangel war es auch nicht möglich, diese überforderung wegzusaufen (was bisher eigentlich immer ganz gut klappte und gesellschaftlich überwiegend akzeptiert wird – um das mal nebenbei anzumerken und mal wieder etwas klammern zu können). So wählte ich die günstigere alternative der geschlossenen körperhaltung mit erhöhten muskeltonus, um unterschwellig durch körpersprache den anwesenden zu signalisieren, dass ich noch nicht bereit bin für eingehende kommunikation.

Erstaunlicherweise war das grablicht auch ohne den sonst immer verstoffwechselten alkohol recht angenehm und musikalisch nicht belastend, wie andere veranstaltungen. Kurai war – ich hoffe ich darf das mal hier so erwähnen – – und wie ihr beitrag in diesem tagebuch vermuten lässt – ebenfalls anwesend; in trauter zweisamkeit mit corona. Zusammen sind die beiden so knuffig; der anblick der turteltäubchen eine kleine sonnige insel seelenfriedens in meinem aufgewühlten ozean aus wirren gedanken. Da wollte ich nicht stören und auch ob der lautstärke nicht weiter nachfragen, warum Kurai blogs toll findet. Das katharsische moment des schreibens kann ich noch nachvollziehen, doch um soetwas zu lesen fehlte mir die geduld.

Langsam fand meine anspannung ein reziprokes verhältnis zur uhrzeit und wurde etwas angemessener für einen spätpubertären berufsjugendlichen. „Das subjekt zeigte anzeichen von grooming-verhalten“, würden es soziologen vermutlich ausdrücken. Es folgte das notwendige übliche, welches zu beschreiben ein für den leser langweiliges wäre, weshalb es für mich ein auszulassendes ist.

Der abspann des tages wurde für mich, von einem, an einem trüben, grauen 11ten-september-morgen, sich an einem kohlfeldrand in wettbergen übergebenden jugendlichen (hier nicht namentlich erwähnt) eingeleitet. Bei einem film-abspann in höhe der special-fx, sah ich bei meinem tagesabspann einen kackenden hund und sein herrchen am ricklinger kreisel (soweit ich mich erinnere, und nur um es mal hier zu erwähnen).

Zuhause noch kurz ins forum geschaut, gingen mir auch kurz darauf die lichter aus. Was für ein tag. Hab ich was vergessen?

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