Plätschern und gleichförmigkeiten

Liebes internettagebuch,

inzwischen ist viel passiert, leider aber nicht in meinem leben. Die letzten tage plätscherten gleichförmig dahin, wie das flüssige lötzinn in diesen geräten, mit denen bauelemente von platinen automatisch verlötet werden, deren korrekte bezeichnung mir aber grad´ entfallen zu sein scheint. Der unterschied des lötbades zu meinen tagen liegt in der produktivität. Bei ersterem entstehen (oftmals) funktionsfähige platinen, die sich zum beispiel in geräten der unterhaltungelekronik wiederfinden und nach einigen jahren (nach der vorgabe des PLM (produkt-lebenszyklus-management)) irgendwann den „geist“ aufgeben und ihre unterhaltertätigkeit oder besser ihre unterhaltungsvermittlungstätigkeit einstellen – wegen kalter lötstellen. Doch ich möchte nicht unterhalten, sondern soetwas wie kunst machen und begnügte mich die letzten tage daher mit dem tun von nicht viel, ausser gedanken zu sortieren, zu ent- und verwerfen. Eine art geistige gährung.

Die äussere gleichförmigkeit dieser tage beschrieb Sebastian Krämer in seinem lied „Annalena“ recht schön mit den worten:

„…und ein knisternder morgen aus zellophan
liefert einen fabrikneuen mittwoch an
aber ich liege da und merk´ den beschiss,
dass es nur ein recycelter dienstag ist.“

Das rohmaterial meiner kopfgährung sind mehrere filmisch und photographisch dokumentierte tage. Wie schon kurz im eröffnungsbeitrag dieses schredds angeklungen, verbrachte ich zusammen mit Elias die vermutlich letzten richtig warmen tage dieses jahres im schlamm. Elias fertigte aus einem teil des gewonnenen materials (das hört sich doch optimistisch an!) einen kleinen videoclip, einen werbespot(t) für hannovers badegewässer.

Meine künstlerische aufarbeitung des thema „schlamm“ wird vermutlich noch einige tage auf sich warten lassen. Immerhin unterbrach ich die gleichform der tage heute und stellte eine auswahl der entstandenen bilder in meine galerie. Sichtung, konvertierung und vertonung der videoaufnahmen werden noch viel anstrengung kosten.

Den impuls, also die freisetzung psychischer energien für den kraftakt des einpflegens neuer inhalte in meine site gab vermutlich so eine art materie-antimaterie-reaktion des geistes, also die kollision von erfreulichem mit unerfreulichem. Das erfreuliche dieses tages war das unerfreuliche des samstag, nur diesmal klappend, also das verwandeln von pfandgut in geld. Es versetzte mich in die glückliche lage, eine weitere wunderliche wandlung hervorzaubern zu können: die wandlung von geld in tabak.

Mit zigaretten, ohne schmacht, tut es sich doch schon gleich viel besser als umgekehrt. Doch ergibt sich aus dem vorhandensein von rauchkram noch kein handeln. Der impuls heute etwas zu tun entstand mal wieder durch den briefkasten und einen darin enthaltenen brief. Ich mag meinen briefkasten nicht besonders, findet man in ihm doch nur werbung, rechnungen, mahnungen und ab und zu vollstreckungsbescheide vor (eine nachwirkung einer gescheiterten selbständigkeit).

Das heutige hochlicht war ein naher verwandter der mahnung. Ich gebe nur die emphasierten passagen des schreibens wieder: „Restforderung“, „375,74 EUR“, „22.09.2005“, „den Gerichtsvollzieher“ und „Zwangsvollstreckung“. Ja, ja, das treibt ersteinmal adrenalin, cortisol und andere stresshormone in den kreislauf. Hatte ich doch glatt vergessen, am monatsanfang die vereinbarte rate zu überweisen… Ein zerknirschter telefonanruf behob das problem – die kaskade der hormone, das entgleisen des stressregelkreises meines körpers war jedoch schon im gange (was mir sofort wieder zwei abbildungen eines eichhörnchens, einmal in normal-verfassung, das andere mal mit gesträubten schweif (ein längerer nachhall einer stresssituation) aus dem Spektrum der Wissenschaft dossier „Stress“ vor augen führte). Ohne das positive erleben der pfand-geld-nummer hätte der brief sicherlich ein ganz schlimme depression ausgelöst und ich wäre mit mehreren prozac im magen und tränen in den augen in mein kuscheliges weltflucht-bettchen mit kuscheldeckchen gefallen. Dort hätte ich versucht, in unruhigem, albtraumsequenzen-durchzogenem halbschlaf, den tag einfach nur zu vergessen.

Doch das ereignis that gave me so much courage and strength polterte noch durch meinen hinterkopf und trieb mich zu taten, zu heldenhaften upload- und administrations-orgien. Ich bin stolz auf mich und werde bald schon eine auf-die-schulter-klopf-maschine entwickeln um die machanische anerkennung zu spüren, die meinem expandierenden ego wahrhaft gebührt.

„Es ist nicht alles gold, was glänzt“, weiss volksmund zu erfahrungsberichten; ähnlich verhält es sich mit den dingen, die dem körper zugeführt werden: Es ist nicht alles gesund, was schmeckt. Zuviel kaffee, zuviele zigaretten und zuwenig nahrhaftes, zwingen mich mit zittriger hand und leichter übelkeit zu dieser feststellung. Feststellungen sind auf dauer langweilig. Mit meiner ersten freundin hatte ich nur zwei feststellungen: sie oben und ich oben. Und ich sehe ja was daraus geworden ist.

Ich möchte es jedoch nicht zuweit treiben – obwohl das wort recht passend zur vorrede ist. Gut, ich bleibe bei der menschheits lieblingsthema – genug libidinöse energien vermochte ich schon anzustauen. Und es ist auch nie zu spät für ein schlüpfriges und schlechtes zwei-zeilen-gedicht (also etwas, was bequem auf jede klowand passt):

Wenn du´s kannst mit niemand treiben
musst du schreiben oder reiben.

Fürchterlich, wenn es ein festzustellendes ist, dass das eben geschriebene auf einen gehörigen teil der eigenen lebenszeit zutrifft und das expandierende ego plotzlich zu einem schwarzen loch kollabiert. Wo ich wieder beim thema bin, was bewegt, am besten rhythmisch. Mein gott, werde ich flach. Sollte vielleicht mal bei Houellebecq nachschlagen, wie libidinöse regungen literarischer zu umschreiben sind.

BlackLilith und Kurai – um mal ohne übergang einfach das thema zu wechseln – haben schon wieder in mein tagebuch geschrieben. Manchmal kommt mir das ganze hier so vor, wie ein virtuelles forum, so eine art schwarzes brett im internet (was sich übrigens ohne probleme reimt). Die beiden gehen richtig auf meine einträge ein und beantworten fragen, die ich mir eigentlich darin selber stelle. Auch wenn es nicht meinem lebenskonzept entspricht, fühle ich mich dadurch nicht mehr so allein am rechner (obwohl ich es nachwievor bin – abgesehen von den leuten, die, ohne notiz von mir zu nehmen, an meinem offenen fenster vorbeigehen). Kurai gibt der hoffnung ausdruck, mehr über bloggende menschen zu erfahren, als ihr zu fragen eingefallen wäre. Das ist eine gute sache. Ich werde fortan in meinen tagebucheinträgen immer was reinschreiben, was mich noch nie jemand gefragt hat. Zum beispiel: „An wen denkst du beim onanieren?“ oder „Wie popelst du?“ oder „Wie lautet in hex das sysEx-kommando für einen kompletten dump deines synths?“ oder „Wie schaffst du es eigentlich, dass dir leute immer noch hallo sagen?“

Aber bei der beantwortung ungestellter fragen möchte ich bei einem wichtigen bereich anfangen: dem klo. Kaum jemand hat mich bisher gefragt, was ich für kloleküre auf meinem stelltisch unter dem waschbecken rumliegen habe. Hier ist die aktuelle antwort:

Neben der obligatrischen werbung (am liebsten „lese“ ich den techno-teil der real,–werbung) habe ich folgende schmökertitel gestapelt:

– Prokotologie in der Praxis (von J. J. Kirsch und M. Nagel – ein buch mit hübschen abbildungen (zum beispiel der mastdarmvorfall (rektumprolaps)) für all´ die, die glauben ihre stoffwechselendprodukte mit aller drückenden gewalt aus dem eigenen körper entfernen zu müssen)

– 39,90 (von Frédéric Beigbeder, ein buch über werbung, welches nach der euroumstellung vermutlich nun einen anderen titel hat)

– Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft (von Hannah Ahrendt, für das ich vermutlich noch jahre brauchen werde, um es ganz durchzuarbeiten)

und

– Die Grenzen des Wachstums (von Dennis Maedows, welches eine erstaunliche konvergenz zwischen eigener ausscheidung und menschlichen verhalten herzustellen vermag)

Soweit meine dort längerfristig ausgelegten titel. Wenn ich lyrische inspiration brauche, nehme ich mir auch immer mal wieder „Deutsches Mittelalter“ auf das stille örtchen mit; eine zusammenstellung von Friedrich von der Leyen. Ein buch, welches ich nur wärmstens enpfehlen kann.

Doch komme ich mal besser zum schluss meiner täglichen dosis unstrukturierter berichte aus dem leben.

Guten hunger noch,
liebes internettagebuch.

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