Tot

Liebes internettagebuch,

das nebenliegende haus ist mit brandschutz- bzw. fluchttüren an das haus angebunden, in dem ich lebe. In jedem haus leben 35 „parteien“ – wie man das halt so nennt.

Vorhin weckte motorengeräusch vor dem fenster meine aufmerksamkeit. Ein auto der feuerwehr wurde in den parkbuchten am gehweg vor meinem fenster geparkt, weil dort genügend raum für das wuchtige fahrzeug vorhanden war. Eine kurze leiter wurde entladen und zum nachbarhaus verbracht. Unter dem routinierten blick zweier polizeibeamten wurde sich über ein fenster im erdgeschoss des nachbarhauses zugang zur dazugehörigen wohnung verschafft.

Es war die wohnung eines älteren mannes. Wenn ich morgens zwischen fünf und sechs, nach durchwachter nacht zum bäcker ging oder spät in der nacht nach hause kam, sah man dort meist noch das bläuliche flackern des fernsehgerätes.
Ein einziges gespräch mit ihm ist mir in erinnerung. Ein vermutlich betrunkener jugendlicher ging gegen drei uhr am morgen an den beiden häsuern entlang und klopfte im vorbeigehen lautstark an jedes fenster der im erdgeschoss befindlichen wohnungen. Ich befand mich noch in etwas entfernung auf meinem fahrrad, streuerte in kühler nacht die wärmenden wände der eigenen wohnung an, und konnte so die szene gut verfolgen. Wäre ich zuhause gewesen, hätte ich mich sicherlich über den erschreckenden krach am fenster geärgert. Der ältere mann aus dem nachbarhaus hatte dies offenbar getan und öffnete erbost und irritiert das fenster. Der junge fensterklopfer war schon um die ecke gebogen und somit ausser sicht. So fuhr ich herüber und schilderte dem, in seiner fernsehrezeption gestörten den beobachtete szene. Nach übereinstimmender verurteilung des unerhörten vorganges wünschte man sich noch eine gute nacht. Das war es dann auch.

Der feuerwehrmann der sich auf der leiter dem öffnen des fensters widmete, hatte augenscheinlich erfolg. Nach einigen sekunden bekundeten dies die gesichter der beistehenden kollegen und polizisten: ein leichter ausdruck von ekel, gemindert durch die erfahrung der berufsjahre zeichnete sich in ihnen ab.

Die wohnung konnte nun betreten werden und die tür für den zutritt der zuständigen personen geöffnet. Die feuerwehr packte ihre sachen, alles nötige war getan.

Ich zog meine schuhe an, um mich auf den weg zu meiner mutter zu machen, um mich dort zu kaffee, kuchen und einen kleinen plausch einzuladen. Aus dem haus getreten begegnete ich einem nachbarn und befragte ihn, ob er näheres zu den vorkommnissen wüsste. Er meinte nur er habe einen merkwürdigen geruch wahrgenommen.

Auf dem rückweg von meiner mutter, sah ich beim näherkommen, wie ein leichenwagen am eingang zum nachbarhaus geparkt wurde. Ein sarg wurde entladen und ins haus getragen.

Die fluchttüren zum nachbarhaus halten vermutlich einem feuer einige zeit stand, das ist an ihrer massiven bauweise zu erkennen. Der geruch von verwesenden mensch suchte sich jedoch seinen weg durch spalten und ritzen und klebte im hausflur, als ich ihn betrat. Ein geruch ähnlich dem, wie sie würstchen in einer geöffneten und dann abgedeckten dose nach einiger zeit entwickeln.

Der einsame tod im nachbarhaus wird noch einige seiten papier füllen und mit einer anzeige in form: „H/Stöcken 1 Zi.-Whg., 37qm … ab sofort … Tel:…“ vergessen werden.

Ruhen sie in frieden, herr nachbar, und du auch,
liebes internettagebuch

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