Vorfreude auf WM
“Fussball ist unser leben, ja könig fussball regiert die welt.”, gröhlte es zur WM 1974 aus den radios. Und nun ist monarch aus hohlem leder in deutschland eingefallen – widerstand zwecklos.
Und wenn widerstand zwecklos ist, bleibt den internet-chronisten mit restverstand nur die sorgsame dokumentation des periphären wahnsinns, eine aufzeichnung der kulturellen fehlleistungen, die dem kollektiven fussballfieberwahn entsprangen.
In den letzten jahren waren im fernsehen gehäuft rückblicke auf die 80er jahre zu finden. Fühlende menschen trieb es dabei die schamesröte ins gesicht, wenn sie merkten: “Ja, auch ich sah damals so aus. Ich habe da mitgemacht, ich habe diese ‘musik’ gehört – und fand sie, aus nun nicht mehr nachvollziehbaren gründen, gut.” Es bleibt zu hoffen, dass scham und peinliche berührtheit einige menschen in ein paar jahren erfassen, wenn sie rückblickend den wahnsinn betrachten.
Zeitkapsel: Es ist juni. Die fussball-wm steht unmittelbar bevor. Bei jedem, bei wirklich jedem zap-zyklus durch das kabelnetz – egal zu welcher uhrzeit – findet man zumindest eine sendung, die sich dem thema fussball widmet. Ein grossteil der werbespots ist ebenfalls mit den thema infiziert. Und immer wieder windet sich das hirn in krämpfen um die verbindung des beworbenen produktes mit fussball herstellen zu können. Lösung: Es gibt keine.
Die vorfreude auf die WM ist bei mir etwa so gross wie die vorfreude auf eine wurzelbehandlung beim zahnarzt oder die vorfreude auf einen mastdarmvorfall (rektumprolaps, procidentia recti). Und ja, ich möchte zu gast bei freunden sein, irgendwo im ausland, weit weg von hier um den wahnsinn zu entgehen. Leider habe ich so wenig freunde, die ausserhalb deutschlands leben.
Draussen fahren erste, mit fähnchen versehene autos vorbei. Die fähnchen sind noch klein und noch gröhlen die insassen nicht. In einigen tagen wird sich das ändern.
Einkaufen macht schon lange keinen spass mehr. Eigentlich wollte ich produkte boykottieren, auf deren verpackung ein fussball oder ähnliches abgedruckt ist – doch der hunger wird grösser, je näher die WM rückt. Selbst beim bäcker zeigt der aufdruck der t-shirts der fachverkäuferinnen an, wo man ist: in deutschland – als hätte ich es nicht schon irgendwie geahnt.
Bei dem gedanken, diesen wahnsinn, beispielsweise beim einkaufen in bildern zu dokumentieren wird mir schlecht. Einkaufen ist schon ohne WM schlimm genug. Aber warum das rad immer wieder neu erfinden, wenn es beispielsweise Moon Soleil schon so ausführlich gewürdigt [2] hat.
Mir obliegt es nun, ergänzend ein paar unbewegtbilder aus dem fernsehen mit beizutragen, zu dieser collage der edipemie, die das hält, was die vogelgrippe versprach. Ein typischer vor-WM-abend mit typischen vor-WM-sendungen:

Ist ja immer so. Beim einschalten erstmal werbung. Die obi-tulpen singen, gepitcht und schrill, mit stadion-lärm.

Schuhe (selbstverständlich ohne besitzer), die ein stadion füllen. Nochmal: schuhe, die ein stadion füllen.

Fussballprominente beim biertrinken. Diese kulturtechnik wird vom geneigten fan immitiert und optimiert (ein verhalten, welches sich schon bei primaten bestens bewährt hat). Das getränk wird dabei dann nicht mehr in gläser gefüllt, sondern direkt aus der flasche inkorporiert um in minimaler zeit maximale alkoholisierung zu erreichen.

Endlich das “format”, welches durch die werbung finanziert wird: Eine chart-show mit fussballhits.

Publikum der sendung, ausgestattet mit winkelementen in den nationalfarben der bundesrepublik deutschland. Durch die darbietung unter der warmen studiosonne wird die natürliche begeisterungsfähigkeit der menschen wiedererweckt.

Das highlight der schau: Die offizielle WM-hymne. Fast live vorgetragen mit tanzgruppe und maskottchen. Ob die heitere tanzdarbietung des knuddellöwen erst durch dibutylzinn so grazil und heiter wirkt, bleibt vorerst unbeantwortet.

Wie fan sich auf die WM verzubereiten hat, zeigt nachfolgenes “nachrichtenmagazin”: Vorfluten und zwar rechtzeitig.

In der gleichen sendung müssen natürlich auch noch weitere, weniger wichtige nachrichten abgehandelt werden. Schrecklich: Diese toten können die WM nicht mehr im fernsehen verfolgen.

Nach den schlechten nachtrichten endlich wieder gute. Dank einer minisalami und der produktverpackung beigefügten schminkstiften kann sich nun jeder noch schöner im gesicht anmalen als Mel Gibson in Braveheart und so die nationalkrieger anfeuern.
Fort- und beisetzung folgt…
Tags: deutschland, fan, fifa, fussball, irrsinn, leben, meisterschaft, unterhaltung, werbung, wm

Schwerdtfegers weblog » Tagesschemen, 2. Juni 2006 um 02 Jun 2006 at 8:24 pm
[...] Die kommende FIFA fußball-WM wird von ganz deutschland in einer haltung der allgemeinen vorfreude auf das große ereignis erwartet. In sieben tagen ist es so weit. Und sechs wochen später, nachdem das geld verprasst bei freunden wurde, sind wir wieder die besten in der welt, alle probleme sind gelöst und es regnet leckere schokoladen-tschipps vom himmel. Erlösung durch fußball, das ist die letzte hoffnung, die hier noch vermittelt werden kann. [...]
Braveheart? at Nachtgedanken um 14 Okt 2006 at 10:56 pm
[...] Vor der WM habe ich den filmtitel einmal beiläufig erwähnt. Ganz zum schluss. Als untertitel zu einem bild. Manchmal verstehe ich das web nicht. Und was ist geschehen, dass so viele leute danach suchen? Lief der schinken mal wieder in der glotze? [...]