Guten morgen

Da fährt er mit dem fahrrad auf dem fahrradweg an diesem sommertag. Unter dem t-shirt ein gemütlicher bierbauch, gemütliches tempo, fährt er den weg entlang. Es bleibt zeit, die welt zu sehen, die sich doch so verändert hat in den letzten jahren. Es geht auf die rente zu. Er würde sich als rechtschaffend bezeichnen. Schliesslich muss alles seine ordnung haben, damit es funktionieren kann.

Er fährt mit diesem unbehagen in der brust, der rechtschaffende, mit dem blick für das keimende chaos des jetzt, in dieser veränderten welt. Er fährt und sieht die welt. Früher war es anders. Früher war es besser, flüstert der nebel ein verklärter jahrzehnte. Und da steigt es, es steigt unaufhaltsam auf, dieses ›etwas sagen müssen‹, gegen diese unordnung, diese sich wandelnde welt. Ein stein im hals, der herausgespuckt werden muss: »Scheiss kanacke!«

Gemeint ist ein jugendlicher an einer dieser neuen telefonsäulen. Ja auch das ist schlechter geworden. Früher gab es einmal telefonzellen, heute nur noch diese säulen mit mangelndem regenschutz. Alles ist anders geworden. Der junge mann am telefonhörer mit den streng zurückgekämmten dunklen haaren und der dunklen haut telefoniert unbeirrt dieses, vom sicheren fahrrade aus kommenden ausspeiens weiter, hat es vermutlich ins gespräch vertieft nicht einmal wahrgenommen.

Ich hörte es, hatte grad das fenster geöffnet und hielt ausschau nach der quelle des ausrufs. Nach diesem mann mit gemütlichen bierbauch, diesem mann kurz vor der rente auf seinem fahrrad und nach dem, dem diese schmähung galt, dem jungen mann an der telefonsäule.

Mein interesse am vorgang wurde bemerkt, dort auf dem sicheren fahrrad, und mir beim vorrüberfahren, mit dem mut des rechtschaffenden und mit erbostem augenkontakt zugeworfen: »Noch so´n kaputter – nur kaputte hier!« Das war keine beleidigung, es war vielmehr ein selbstgespräch. Er sprach mit sich selbst, um sich zu vergewissern mit der eigenen wahrnehmung recht zu haben, sich selber zu bestätigen. So fing mein tag an.

Post a Comment

Your email is never published nor shared. Required fields are marked *