Tageswirren

Eigentlich sollte der tag irgendwann morgens zwischen fünf und sechs enden. Kein chance einzuschlafen, keine schlaftabletten, keine anderen möglichkeiten zu ermüden. Der versuch etwas mehr ruhe und müdigkeit in meinen geist mit hilfe von artemisia absinthium zu bekommen scheiterte. Ich hatte noch einige blätter des wermuts in der druckversion der Hartz-berichtes gefunden - vor längerer zeit dort zum trocknen hinterlegt.

Das thujon - für bessere auslösung aus dem blättern mit etwas alkohol vermengt - hatte allerdings eher eine geistig belebende wirkung. Auf geistige aktivierung folgte körperliche aktivierung. Ich ging raus um zu photographieren, obwohl es noch stockdunkel war. Es enfstanden ein paar sehr merkwürdige bilder, in etwa so merkwürdig, wie mir zu jenem zeitpunkt die welt erschien. Manche der gesichter bereits umherwandelnder menschen wirkten auf mich wie fratzen. Eine mülltonne auf dem weg war ein interessantes motiv, eigentlich die gesamte zusammenfassung westlicher kultur.

Neben diesen interessanten erlebnissen waren besonders die lauten und stinkenden autos recht unangenhem als sinneswahrnehmung. Dieser ganze morgenkrach, der durch viel zu gut schall leitende luft in mein ohr drang und aufmerksamkeit von der wahrnehmung interessanter strukturen in meiner umwelt abzog. Leider konnte ich diese schönen perspektiven und objekte wegen geringen lichtes nicht als bild einfangen.

Als es »hell« war - besser als die welt zunehmend hellere grautöne annahm - zog ich es vor den heimweg anzutreten. Vielleicht war ja nun endlich schlaf möglich. Doch vorher musste ich beim zahnarzt anrufen. Einige termine in meiner terminverwaltung erwischte ein kleiner datenverlust. Die dame am telefon teilte mir mit, der termin sei heute, 14 uhr 30.

Nicht auch noch das: Die nacht nicht geschlafen. Es war bereits halb zahn und in ein paar stunden entweder mit den typischen beschwerden des schlafentzuges oder völlig unausgeschlafen zum zahnarzt. Absagen wollte ich nicht schon ein zweites mal - beim letzten mal hatte mich eine migräne den termin verschieben lassen.

Nach kurzer überlegung versuchte ich zu schlafen. Ohne tablette, was in etwa so viel bedeutet, dass es kein richtiges schlafen ist, sondern eher ein schlafähnlicher zustand, der erst nach 12 bis 14 stunden erholung bringt. Aber sei es drum.

Das wiederholte dröhnen des mobiltelefons zum anmahnen des termins liess mich über eine halbe stunde hinweg langsam wieder mehr wach als schlafend sein. Keine zeit mehr für einen kaffee, keine zeit mehr für etwas zu essen. Ungünstige vorraussetzungen.

Der zahnarzt verpasste mir heute nur ein paar kleinere, unkomplizierte füllungen. Mit nachbehandlungsschmerzen war also nicht zu rechnen. Ein weiterer anruf beim hausarzt brachte mir die bestätigung: Mein bestelltes rezept für neue schlaftabs war inzwischen fertig. So machte mich mich denn auch mit hängender oberlippe auf den weg.

Leider hatte ich nur noch 20 euronen dabei, nachdem ich beim zahnarzt die üblichen quartalsgebühren abdrücken musste. Die schlaftabletten kosten mich nach der vom anfang des jahres stammenden gesundheitsreform jetzt das dreifache. Pro monat macht das etwa 30 euro.

Als ich damals meine schlafprobleme bekam und diese immer heftigere auswirkungen - auch körperlich hatten - dachte ich öfter über selbstmord nacht, da ich diese ganzen ekelhaften auswirkungen, den stumpfen geist, die herzrhythmusstörungen, den stress, die gereiztheit, die übelkeit, den plötzlichen bluthochdruck der zu starken kopfschmerzen führt nicht mehr aushielt. Zudem sah ich mich mit dem zunehmen zerfall meines sozialen umfeldes konfrontiert. Wie will man termine vereinbaren, wenn man beim besten willen nicht sagen kann, wann man endlich einschlafen wird, wenn die gedanken stundenlang quälen und man sie nicht wegbekommt.

Diese ganzen ratschläge mit entspannungsübungen, schlafhygiene etc. pp. brachten nichts. Das ständige grüblen war nicht zu stoppen. Der körper machte das nicht mehr mit. Ich bin froh schlaftabletten nehmen zu können. Zwar bin ich abhängig davon, doch das ist das kleinere übel gegenüber eines zustandes, der einem zombie gleicht.

Nachdem ich nach einer kleineren odyssee alles zusammenhatte, machte ich mich auf dem weg zum essen zu meiner mutter. Bei unserem gestrigen sonntagsessen war viel übrig geblieben, was heute dann die zunge nocheinmal erfreuen durfte. Das erste vernünftige essen am heutigen tag.

Jetzt ist es zeit noch ein paar stunden zu schlafen - habe ich meinen schlaf doch nur kurz unterbrochen, um wenigstens noch einen kleinen blogbeitrag zu verfassen.

Trackbacks & Pings

  1. Lumieré dans la nuit » Blog Archiv » Mülltonne um 08 Nov 2006 at 2:02 am

    […] Gefunden in den Nachtgedanken. […]

Kommentare

  1. Muschelschubserin kommentierte:

    Wow.
    Inhaltlich nicht schön, aber ehrlich.
    Das finde ich gut und mutig.

  2. Frank kommentierte:

    Weiss nicht so genau, ob das mutig ist. Man könnte es auch leichtsinnig nennen. Schneller als man denkt, hat der personalchef oder die zukünftige frau solche beiträge ergoogelt und das wars dann mit job oder ehe.

  3. Kurai kommentierte:

    Aber das bist du: deine Gedanken…

    gut, ein Chef wird das natürlich anders sehen… und eine Partnerin… nun, die sollte nun mal ganz anders reagieren…

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