Bewegung: Rückwärts

Alkohol und schlaftabletten - niemals eine gute kombination, aber eine wirksame. Der angenehme dusel macht den kopf frei von den lästigen gedanken. Eben las ich noch mein tagebuch. Der elfte januar. Meine mutter tielte mir die diagnose am nachmittag mit: Mein opa hat krebs. Fortgeschritten. Am ersten märz starb er. In sich zusammengefallen, mager, zu keiner klaren äusserung mehr fähig. Dawzischen lag das siechen, der langsame zerfall. Der mann, der mir so viel in meiner jugend gezeigt hatte, der mein interesse für viele dinge weckte, war jetzt ganz dünn und wurde tag für tag kleiner in seinem krankenbett.

»Komm an die andere seite«, presste er einmal mit mühe hervor, als ich ihm im hospiz besuchte. Die strahlentherapie hatte seine wangen rot gemacht. Ein ungesundes faseriges rot. Die aufen tief in den höhlen, die wangen eingefallen und er kaum in der lage sich noch zu bewegen. An die andere seite des bettes sollte ich kommen, weil er auf einem auge nichts mehr sehen konnte. Es war irgendwann kaputtgegangen - so ähnlich drückte er es aus. »Ich geh kaputt«, sagte er einigemale.

Die schmerzmittel machten ihn immer unansprechbarer. Zum schluss konnte man nur noch seine hand halten. Es war wie der greifreflex eines neugeborenen. Nur in diesem fall zittrig und immer wieder an kraft verlierend. Dann fasste er nach, als ob es der letzte kontakt zur aussenwelt war, den er noch wahrnehmen konnte. Was er sagte war nur noch unverständlich bis unheimlich. Die schwelle zum tod war nah.

Am 1. märz um halb zwei uhr morgens rief mich meine mutter an. Opa sei gestorben. Ich war traurig aber doch erleichtert. Dieses leiden hatte jetzt endlich ein ende. Doch würde er jetzt fortan in meinem leben nicht mehr dasein.

Die tage zwischen der diagnose und dem tod waren stumpf, geprägt von einem unerträglichen jetzt, dass sich gummibandartig um die zeit schnürte, sie langsam vegehen und zur qual werden liess. Und immer die furcht vor dem telefon. Das es klingeln könnte. Das es vorbei sein könnte. Das geht wider jeder logik. Das emotionale festhalten wollen eines vertrauten zustandes und die gewissheit, dass mit seinem tod auch das leiden endlich ein ende hat.

Einem menschen wochenlang bei krebskrepiert und beim zerfall zuzuschauen, ist etwas was man sich ersparen kann. Abwesenheit ist ein gutes mittel. Aber dieses krepieren nicht sehen zu wollen ist eine verleugnung der wahrheit über das leben. Es endet häufig nunmal schrecklich. Und ich glaube beim sterbenden in seinem leid zu sein, ist ein leid, was man für dessen letzte tage auf sich nehmen sollte. Er sollte ein wenig vertrautes und bekanntes um sich haben.

Später die beerdigung. Eine nette ansprache vom pfaffen. Traurige lieder. Tränen, viele tränen und der trauerzug. Die nacht konnte ich nicht gut schlafen. Machte um 6 uhr eine internetradio-sendung, zur ablenkung. Dieses aufflammenden gedanken - einfach zu viel.

Der erste tod eines nahen verwandten, meine erste beerdigung. Und wieder die schmerzhafte erkenntnis, dass nichts in der welt bestand hat. Meine grosseltern gehören zu meinen wurzeln. Ein teil fehlt jetzt. Es hat und wird veränderungen mit sich bringen.

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