Tagauf, tagab

Du frisst um zu leben, damit das leben sich an dir sattfressen kann. Dieses bild entstand vor dem einschlafen in meinem kopf. Ein bild, dem jetzt die eleganten worte fehlen. Es ist zu früh. Nach einem fernsehabend mit einem kulturzeit-spezial über die wiederaufnahme der Idomeneo-aufführung, nach einer Tolstoi-biographie und drei folgen 24, ging ich gegen mitternacht schlafen. Gegen vier wachte ich wieder auf. Und das richtig.

Am unterarm pulsiert es unter der haut. Dieses unablässige zucken der blutgefässe ist ekelhaft. Der kopf finstert und finstert vor sich hin und dieser körper zeigt sich davon so unbeeindruckt. Ist es meine grenzenlose selbstliebe, die diesem ignoranten körper die einsetzenden halsschmerzen wohlwollend gönnt? In meiner jugend hatte ich noch das mittel der direkten selbstverletzung mit klinge, lötkolben und verätzung. Dafür bin ich heute zu alt. Selbstzerstörung erfordert mit den jahren unauffälligkeit, etwas nicht so ganz offensichtliches. Die kunst der selbstmeuchelung liegt wie bei allen meuchelmorden in der täuschung, in der man selbst nahe genug an sich heran kommt um sich zu vergiften.

Stück für stück, ganz behutsam und unmerklich muss das gehen. Beispielsweise zigarette um zigarette. Ich bin allein mit meinem mörder, denn er ist in mir. Ich brauche keinen amoklauf – die heimtücke mit der ich mich aus der welt schaffe ist genuss genug. Nikotin wirkt auf das belohnungszentrum – was könnte besser sein. Eine freudige vergiftung.

Wenn die hormone nicht wären, wäre ich sicherlich eine gute frau. Die internalisierung des selbsthasses beobachte ich bei richtigen männern nur selten. Die gehen meist nach aussen, wenn es in ihrem kopf brizzelt, hauen jemand auf die fresse, besaufen sich, machen sport oder tyrannisieren andere.

Das kann ich nicht. Ich bin schuld und muss mich bestrafen. Körperstrafe. Langsames vergiften mit nikotin. Lungenkrebs ist ein schönes wort, es leitet wohlwollend weich und warm ein, mit einem fröhlichen bruch beim »g«, bevor es zum krebs übergeht. Ein wort, dass schon vom klang nichts gutes verheisst. Es lässt sofort assoziationen entstehen: Teerlunge, chemotherapie, tod.

Es ist zu früh. Ein paar stunden schlaf fehlen mir noch um den tag zu überstehen. Gut, dass ich erst gegen mittag etwas vor habe. Schnell noch eine zopiclon, einen schluck rum zur wirkverstärkung, eine prozac gegen die gedanken und für mehr kompatibilität und dann ab ins land der träume.

Schlaft gut.

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