Impulsunterdrückung

Als zivilisierter »grossstädter« habe ich gelernt nicht jedem dumpfen impuls zu folgen. Zum beispiel wird es für höchst unangemessen gehalten, beim einkaufen im supermarkt den vollen einkaufswagen stehen zu lassen un schreiend und mordend den laden zu verlassen. Die differenz zwischen dem, was angebracht wäre und was für angemessen gehalten wird, nennt sich kultur. Ein guter merksatz. Bei den beengten verhältnissen bei penny kann man schon leicht einkaufsparanoia bekommen. Auf schritt und tritt hinter einem menschen mit einkaufswagen.

Das wird dann zu einem selbstläufer. Immer mehr kerbgesichter, aufsteigende unruhe und dazu das ganze bunt in den regalen. Es fällt vermutlich kaum auf, wenn man sich in solchen momenten eine kaum befahrene ecke sucht und längere zeit auf eine den augen erträgliche produktverpackung starrt. Und dann diese schlange an der kasse.

Unterbesetzt ist überhaupt kein ausdruck. Mazedonischer rosé, lieblich, mit schraubverschluss für einsneunundzwanzig. Genau das richtige und inzwischen in meinem kühlschrank. Die BILD verspricht wissenschaftlich untermauert ein lebensalter von 100 für alle während ich mich mit meinen 33 jahren frage, wie ich die nächsten fünf minuten überleben soll. An was schönes denken: Erdbeeren. Erdbeeren. Erdbeeren. Der geruch von erdbeeren wirkt auf mich stimmungsaufhellender als manches antidepressivum.

Jemand spricht in einer mir unverständlichen sprache gepresst durch den raum zu irgendwen. Laut, mit unterträglicher härte. Riesige keramikostereier und lila hasen mit ihrer haut aus alufolie liess ich hinter mir. Das muss die hölle sein.

Draussen scheint die sonne. Am himmel kreist ein greifvogel, eine taube flieht. Ich habe überlebt.

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  1. From Achterbahn at Nachtgedanken on 31 Mrz 2007 at 2007.89 19:29

    […] Durch den letalen einkauf entfloh jedes lebensfühlen aus meinem körper. Die welt war wie flachbildfernsehen ohne tiefe. Und Sia gab mit die tränen zurück, die ich seit monaten suchte. Das six feet under finale ist mit der musik von Sia und den dazu gezeigten bildern der sterbenden charaktere in einer rasenden zeit tut wirklich nur weh. Claire geht nach NY, ihre familie altert und stirbt. Jahrzehnte werden in sekunden übersprungen. Die banalen schicksale der helden, an denen bricht sich der eigene ds´schmerz. […]

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