Die jahre vergehen

Zweieinhalb jahre ist es nun her, dass ich das letzte mal an dieser stelle, in diesem blog etwas geschrieben habe. Es ist viel passiert, doch mein ständiger begleiter, die depression hielt mich davon ab, hier sogenannten „content“ zu hinterlassen. Viele menschen haben in ihrem kopf erinnerungen, die sie chronologisch aufschreiben könnten. Mir fällt dies jedoch sehr schwer. Wie ich immer sage, sind meine erinnerungen eher ein unordentlicher haufen und ich kann nur anhand der strata dieses haufens den ungefähren zeitlichen kontext ermitteln.
Inzwischen haben sich die menschen, wie auch ich, es sich zur angewohnheit gemacht, alles von mehr oder minderer relevanz in ihrer gehirnprothese in form von fotos zu speichern. Wem nicht klar ist, was ich hier meine, hat vermutlich noch kein smartphone. Für mich ist das eine grosse hilfe, meine vergangenheit zu rekonstruieren, oder besser zu strukturieren.
Ich möchte durch eine regelmässige auszeit von etwa zwanzig bis dreissig minuten, möglichst jeden tag, eine angewohnheit formen, mit der ich meine eigene entwicklung ergründe, ordne und im nachhinein die ganzen „aha“-effekte hervorrufe, die ich nicht hatte. Hierdurch erhoffe ich mir rückschlüsse auf meinen jetzt-zustand zu schliessen.

Was ist der jetzt-zustand? Vor anderthalb jahren ist meine mutter gestorben und somit habe ich nach dem tod meines opas und meiner oma, keine direkten familieast mehr. Man könnte übertrieben sagen, dass ich der letzte meiner „blutlinie“ bin und vermutlich auch bleibe. Als intro-extro mit depression und chaotischen zügen, war der letzte ruhepol in meinem leben meine, in unmittelbarer nähe lebende mutter; ihre wohnung und ihr garten das letzte refugium, um das ständige rauschen und die rasenden gedanken in meinem kopf etwas zu ordnen, etwas aus dem man kraft schöpfen konnte, um dem rauhen wind der sonstwelt entgegentreten zu können. Eine der bittersten erfahrungen meines lebens, war es, nach ihrem tot dieses refugium mit eigenen händen zerstören zu müssen. Und all das, nachdem sich dieses unbeschreibliche leid und elend ihrer letzten monate auf dieser erde in meine seele gebrannt hatte.

Die monate nach der trauerfeier fühlte ich nur sehr selten richtige trauer, es waren versprenkelte tränenreiche augenblicke, doch der rest der zeit ging das leben einfach so weiter. In nachhinein vermute ich, dass der hoch-stress-modus in dem ich seit ihrer erkrankung war, noch etwas vorhielt – bis ich mitte 2019 dann entgültig ausgebrannt war.
Dies war der zeitpunkt, an dem die erschöpfungsdepression mich einkerkerte. Der kontakt zu freunden wurde geringer, jede kleinigkeit präsentierte sich in meinem kopf als unüberwindliches hinderniss und ich verliess nur noch selten das bett. Der schmerz liess sich allerdings noch gut mit ablenkung kontern. Aufwachen, netflix laufen lassen, wenn möglich etwas essen und wenn das binge-watching den gewünschten zustand totaler erschöpfung hervorgerufen hatte, möglichst schnell, mit mentalen scheuklappen auf in den schlaf um jeden grübel fern zu halten.
Das leben war für über ein halbes jahr auf das notwendigste beschränkt. Raus in die feindliche welt nur wenn es absolut unvermeidbar war. Meine wohnung zerfiel in ein chaos, welches nur nicht in meine seele spiegelte, wenn ich auf einen screen schaute und schaute und schaute, bis die augen erschöpft und trocken waren und es zeit für schlaf war.

Jetzt fühle ich mich bereit, diese zeit und die entwicklung dorthin zu betrachten. Jedenfalls ist es in den letzten tagen so gewesen. Ob dieser notwendige zustand anhält, wird sich zeigen. Die ersten babyschritte sind getan. Die möglichkeit, dass ich es nicht schaffe in dieser neuen weltkonfiguration richtig laufen zu lernen, ängstigt mich ein wenig. Denn die alternative ist stillstand oder schlimmer: Zerfall. Um mir professionelle hilfe zu suchen, fehlt mir immer noch kraft, geduld und die nötige frustrationstoleranz. So bleibt nur DIY-psychoklempnerei.

Schritt 1: habit-forming nach analyse der misstände in meinem leben ohne selbstüberforderung und häufige evaluation und gegebenenfalls anpassung der strategien und tätigkeiten.

Los gehts.

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